Chronobiologie des Wechsels zwischen Wachen und Schlafen – wissenschaftliche Grundlagen aus der Schlaf-Wach-Forschung.

Der Nobelpreis für Chronobiologie, 2017 verliehen an die drei Physiologen
Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young, wurde gleichermaßen
von Chronobiologen wie auch von Schlafforschern als ein großes Ereignis und
gefeiert.

Für beide Fachrichtungen bedeutete die Auszeichnung auch eine
offizielle Wertschätzung jahrzehntelanger Grundlagenforschung und die
Anerkennung als ernstzunehmende wissenschaftliche Disziplin. Denn viel zu
lang fristete sowohl die Schlafforschung als auch die Chronobiologie eine Art
wissenschaftliches Schattendasein, überstrahlt von den großen und
spektakulären Errungenschaften der Molekularbiologie oder der Genetik.
Dennoch darf dieser gemeinsame Triumpf nicht darüber hinwegtäuschen,
dass das Verhältnis zwischen Schlafforschung und Chronobiologie sehr
wechselhaft und nicht ganz spannungsfrei verlaufen ist. Selbst wenn
Nathaniel Kleitman (1895-1999), einer der Gründerväter der modernen
Schlafforschung sein epochales Standardwerk mit „Sleep and Wakefulness“
übertitelte (erstmals in den 1940er Jahren publiziert) und es als eine
Selbstverständlichkeit ansah Wachheit und Schlaf ganzheitlich zu betrachten,
so hat sich in der akademischen Schlafforschung der Folgezeit die Perspektive
doch ganz Zugunsten des Schlafs verschoben. Der Wachzustand war nur
insofern von Interesse, wenn dadurch die Kontinuität des Schlafes gestört
wurde.
Einen wesentlich anderen Zugang zu Wachsein und Schlaf hatte die
Chronobiologie: Im Mittelpunkt des Interesses stand immer schon ein
kontinuierlicher Prozess, der sich innerhalb eines bestimmten Zeitabschnittes
einmal als Schlaf- und dann wiederum als Wachzustand zeigt. Schlafen und
Wachen sind Manifestationen eines zirkadianen Prozesses, den es gilt in
seiner Gesamtheit zu beschreiben und nicht als einen Entweder/Oder
Zustand. Biologische Rhythmen modulieren den Schlaf- Wachprozess und
können so auch als ein gemeinsames Bindeglied verstanden werden, das es
gilt therapeutisch zu nutzen.
Unter dem Schlagwort „Wer wach sein will, muss schlafen“ wurde zusammen
mit Brigitte Holzinger das „Schlafcoaching“, eine nichtmedikamentöse
Interventionsstrategie bei nicht erholsamen Schlaf entwickelt, die beide
Zustände nicht getrennt, sondern aufeinander bezogen betrachtet. Dadurch
wird der gestörte Schlaf nicht nur als ein „Schlafproblem“ aufgefasst, sondern
als eine vom Wachen nicht zu trennende Einheit. Ein Ausgangspunkt ist dabei
die gestaltpsychologische Betrachtung eines Objektes als ein Vordergrund-
/Hintergrundphänomen. So wie bei den „klassischen Sprungbildern“ eine
Gestalt entweder als ein Kelch oder zwei Gesichter wahrgenommen werden
kann, manifestiert sich der nicht erholsame Schlaf ebenfalls als ein „Schlaf-“

oder „Wachproblem“. Dennoch gilt es beide Aspekte therapeutisch zu
betrachten. Es genügt somit nicht sich nur auf die eine Seiter einer Medaille
zu konzentrieren. Um erfolgreich und nachhaltig ein Schlafproblem zu
bewältigen, müssen immer beide Ebenen betrachtet werden: das Wachsein
als auch der Schlafzustand.
Fazit: Der Schlaf bereitet den Organismus auf das Wachsein vor und
umgekehrt. Der eine Zusammenhang (oder die eine Seite der Medaille) ist uns
soweit vertraut. Denn jeder, der eine unruhige Nacht erlebt hat, weiß von den
Auswirkungen auf den nächsten Tag: Müdigkeit und Schläfrigkeit,
Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie emotionale
Instabilität und schlechter Laune. Übersehen wird aber, dass auch das
Wachleben erholsamen Schlaf begünstigt, etwa durch ausgewogene
Ernährung, ausreichende körperliche Bewegung oder durch das Einhalten von
regelmäßigen Ruhe- und Erholungszeiten. Der Behandlung von nicht
erholsamem Schlaf eröffnen sich somit neue Perspektiven und Möglichkeiten.

Vortragender Vorname: Gerhard Nachname: Klösch
E-Mail: gerhard.kloesch@meduniwien.ac.at

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