Gedanken zur Dramaturgie der Unwirklichkeit im Kontext von Wahrnehmung – Medizinische Hypnose

 

Untertitel: Wie der Phänomenologe-an-sich zum Märchenerzähler wird – Medizinische Hypnose

Irgendwann in unserem Leben, meist während der ersten Lebensjahre kommen wir an einem Punkt, an welchem unser vollständiges, „heiles“ Weltbild aus irgendeinem Grund zusammenbricht. Meistens durch irgendein familiäres, oft auch ein belangloses Ereignis, Verlust eines Haustieres, einer Zuneigung, eines Spielzeuges etc. Daraus entsteht ein Gefühl der Unvollständigkeit. Diese Unvollständigkeit wird (beim Kind; unter Mithilfe des Unbewussten) durch eine einen bestimmten Inhalt ersetzt. Medizinische Hypnose: Ein anderes Beispiel einer solchen Kompensation, welches aber den dazugehörigen Mechanismus gut erklärt ist der Tinnitus:

durch eine Noxe, z.b. ein Virus oder eine Mikroembolie fällt im Gehörapparat eine ganz bestimmte Frequenz aus, das Hören wird um diese Frequenz ärmer, wird um diese Frequenz unvollständiger. Die fehlende Frequenz wird vom Gehirn (Unbewussten?) kompensiert und zwar durch einen Pfeifton, der deutlich wahrgenommen wird, aber gar nicht vorhanden ist. Durch medizinische Hypnose lässt sich Tinnitus daher gut behandeln.

Vollständigkeit →Unvollständigkeit→ Kompensation (Ersatz)

Die Unvollständigkeit wird auf unbewusster Ebene sehr intensiv erlebt und in der Logik des Unbewussten oft mit verschiedenen, oft scheinbar unzusammen-hängenden, Ereignissen verknüpft bzw. durch bestimmte Verhaltensmuster kompensiert. Während das Unbewusste erlebt, dass mit dem subjektiven Erleben von Vollständigkeit etwas nicht stimmt, bemerkt da Bewusste Denken oft erst Jahrzehnte später sich wiederholende oder unerklärbare Verhaltensmuster (Beispiel: Ehefrau ist Mutter ähnlich, unerklärliche Ablehnung von Männern mit Locken etc.). Die Kompensation erfolgt auf unbewusster Ebene, zeigt sich aber im Alltag: „Ich zeige niemanden mehr meine Gefühle“, „Ich bin der Beste in der Klasse“. Die Kompensation, der Ersatz, ist vergleichbar mit einem Erfolgsrezept, mit welchem man z.B. die Liebe der Mutter zurückgewinnt, wieder beachtet wird, sein Selbstbewusstsein, seine Selbstbehauptung wieder vervollständigen konnte. In dem Maße, in welchem das Erleben von Unvollständigkeiten zunimmt, nimmt das subjektive Versagen und damit der Anteil an Ersatz zu. In diesen Kontext können auch „Komplexe“ eines Menschen gestellt werden.

Wie und wann entsteht Kompensation? Meist langsam, unmerklich kriechend, oft initial ausgelöst durch die Erfahrung von Zurückweisung oder Verlust und durch das Erschaffen von Strategien zur Vermeidung dieser Zurückweisung. Es handelt sich also um eine Reaktion auf Zurückweisung bzw. Verlust wie: „Ich mache es besser und wenn ich dazu nicht in der Lage bin, ich gebe vor dass ich es besser mache“.

Je mehr das Ausmaß an Kompensation/Vorbehalten zunimmt, desto mehr nimmt unsere Fähigkeit zu Selbstausdruck ab.

Jede Kompensation, jede Ersatzhandlung, verhindert dass etwas spontan entstehen kann. Bewusstes und Unbewusstes werden langsam zu einem miteinander verwobenen Mosaik von Kompensationsmechanismen und zu allem Überfluss stehen die beiden (Bewusstes und Unbewusstes) nicht wirklich in Kommunikation. Weil das Unbewusste sich gegenüber dem Bewussten nicht wirklich ausdrücken kann, spricht es dann oft über Körpersensationen (Bauchgefühl, Herzrasen, Magenschmerzen etc. bis hin zu manifesten Erkrankungen, wenn das bewusste Denken und Handeln darauf gar nicht reagieren) – so genannte psychosomatische Erkrankungen entstehen (richtungsweisende Studien hierzu, insbesondere über den Einfluss der Gene in diesem Kontext, kamen während der letzten zehn Jahre von Katherine und Ernest Rossi).

Der Entwicklungszustand des Geistes im Zustand der Kindheit.

Der ursprüngliche Geist in seiner Klarheit und Reinheit begegnet in der Kindheit immer mehr Einengungen, wie zum Beispiel auch sogenannten Seedings, Botschaften, die in erster Linie vom Unbewussten aufgenommen werden und zu Reaktionsmustern führen (Beispiel: „Mathematik ist nichts für Mädchen“ – so ein beiläufig gesagter Satz kann zu einer endlosen Kette von Reaktionen führen und einer jungen Frau die Möglichkeit von Entwicklung und Berufswahl einschränken, ohne dass sich diese das dann selbst in irgend einer Weise erklären kann).

Die zahlreichen Erfahrungen des Kindes führen dazu, dass es zunehmend beginnt, Unterscheidungen (Differenzierung) zu treffen. Auch das Denken des Kindes verändert sich (Kompensation/Vorbehalte). Allererste, bewusst abrufbare Lebenserinnerungen bilden sich in Alter von 3 oder 4 Jahren.
Ein Teil des Geistes ist verändert durch Unterscheidung, Denken und Erfahrungen, während ein immer geringerer Anteil des Geistes noch reiner, klarer Aufmerksamkeit entspricht.

Das offene, ungetrübte und undifferenzierte Bewusstsein („Pure Clarity“ oder „Open Awareness“) beginnt sich mit dem erworbenen, differenzierten Bewusstsein („Dependent (conditioned) Arising“) zu mischen. Das Wahrgenommene tritt nicht mehr phänomenologisch ins Bewusstsein, sondern wenig oder gar nicht („Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.“).Daraus kommt es zu einem interessanten Phänomen: Es entsteht der Eindruck, das Leben würde an Geschwindigkeit zunehmen. Je älter man wird, desto stärker wird das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht. Wir nehmen die Dinge kaum noch wahr, sie werden als redundant aus dem Geist herausgefiltert. Dadurch scheint das Erlebte in den Erinnerungen nicht mehr oder in einer anderen Intensität auf.

Aus einer universellen Wahrnehmung wird eine bestimmte, spezifische. Das bedeutet aber auch, dass das Eine das Andere und umgekehrt bedingt: die Soheit öffnet sich zur Dichotomie, bedingt diese dadurch, kann aber nur aus der Dichotomie-bedingten Wahrnehmung eines differenzierenden Selbst heraus wahrgenommen und gedeutet, interpretiert werden. All das spielt sich auch im Unbewussten ab. Durch Interpretation der Wirklichkeit entsteht eine „Unwirklichkeit“, welche die Grundlage für unsere Reaktionen ist.
Bewusstes und Unbewusstes gemeinsam verändern die Wirklichkeit zu einer individuellen unwirklichen Wirklichkeit. Es ist unmöglich, außerhalb dieser individuellen Wirklichkeit zu reagieren.

Die Wirklichkeit hört dort auf, wo das Spiegeln aufhört und Bewusstes oder Unbewusstes ins Spiel kommen.

Autor:
Univ.-Prof. Dr. med. Robert Gasser PhD (Oxford University, UK),
Abteilung für Kardiologie, LKH-Universitätsklinikum Graz,
Auenbruggerplatz 15,
8036 Graz
robert.gasser@klinikum-graz.at

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