Hypnose in der Medizin – Schwerpunkt Akut-Psychiatrie Teil 2

 

Dieser Beitrag ist aufbauend auf den ersten Teil über Hypnose in der Medizin – Schwerpunkt Akut-Psychiatrie.
Dort wurde bereits über die Kernposition der therapeutischen Beziehung in der Psychiatrie geschrieben,
welche tatsächlich, abseits einer biologistischen Pharmakotherapie, die Basis aller Arbeit darstellt.
Im Fokus standen Rapport, aktives Zuhören, allgemeines Formulieren, Ja- Setting und die
Einstreutechnik.

An dieser Stelle sei, geltend für alle Inhalte und Beispiele in diesem Artikel, nochmals angemerkt: hierbei
handelt es sich um klinische Beobachtungen, entdeckte Möglichkeiten die bei erarbeiteter
zwischenmenschlicher Beziehung eine Erweiterung der „Werkzeugkiste“ darstellen um Patienten/-innen
eine verbesserte Behandlung in einem wertschätzenden Setting zu ermöglichen.

Basis für diese Erkenntnisse und deren Anwendbarkeit sind eine langjährige Erfahrung in medizinischer
Hypnose mit universitärer Basisausbildung, einer verfassten wissenschaftlichen Abschlussarbeit sowie
unzähligen Praxisstunden.

Außerdem: keine „Technik“ kann ein aufrichtiges Interesse an einem Gegenüber vortäuschen. Die Basis
in der Psychiatrie in der heutigen Zeit muss ein respektvolles Akzeptieren meines Gegenübers sein mit
Wahrung der Eigenverantwortlichkeit und Eigenwirksamkeit. Wenn diese Einstellung nicht vorhanden
ist, wird keine Technik der Welt die hochsensible Wahrnehmung von Menschen in Ausnahmesituation
umgehen und die Techniken können nicht ihr volles Potential entfalten.

Der Begriff „Akut“ in der Psychiatrie entzieht sich im klinischen Alltag oftmals einer klaren räumlich-
zeitlichen Definition. Er erstreckt sich von punktuellen, vielleicht nur momentan bis minuten-
andauernden Einengungen mit potentieller Gefahr für sich selbst und/oder andere bis hin zu mehrere

Wochen andauernden, krankheitsbedingten Selbst- und/oder Fremdgefährdung und dadurch notwendiger
Begleitung, Betreuung und Behandlung im Rahmen des Unterbringungsgesetzes.
Das bedeutet, dass Akutpsychiatrie ein Gespräch im Hier und Jetzt für 20- 30min bedeuten kann, genauso
aber auch ein Begleiten für 2-4 Wochen auf einer geschützten Station sein kann. Die Art der möglichen
und sinnvollen Interventionen richten sich dementsprechend nach dem Setting.

Am Beispiel eines psychotischen Zustandsbildes sollen hier zwei Hypnose- basierte, kommunikative
Möglichkeiten beschrieben werden: 1) die Trancelogik und 2) eine rudimentäre, fast unbeholfen
anmutende, Art des Rapport- Bildens.

Psychose ist die Beschreibung eines Zustandsbildes wie wir es klassischer- weise von Erkrankungen des
schizophreniformen Kreises kennen, welche aber auch im Rahmen von Depressionen, Manien, der
bipolaren Erkrankung sowie Persönlichkeitsstörungen vorkommen können. Ebenso möglich ist ein
Auftreten bei Drogenintoxikationen, Demenz, diversen immunologischen, neurologischen und
traumatischen Erkrankungen (so genannte organische Psychosen).
Im Fokus dieses Artikels soll die Psychose im Rahmen einer psychiatrischen Erkrankung stehen.

Als Kernsymptome werden von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und
Nervenheilkunde Störungsmuster der Wahrnehmung (Halluzinationen, Illusionen), Denken
(Zerfahrenheit, Gedankenabreißen, Konzentrationsstörung, Assoziationsstörung), Ichfunktionen (z.B.
Depersonalisation), Affektivität (Affektverflachung), Antrieb und Psychomotorik gekennzeichnet. Eine
wahnhafte Verkennung der Realität, am häufigsten im Sinn einer Paranoia, erschwert oftmals die
Entwicklung von Vertrauen und Offenheit. Sie begleitet, laut Möller- Laux-Kapfhammer, oftmals (bis zu
80%) die Psychose.
Bei wiederkehrende Episoden zeigt im Verlauf eine deutliche kognitive Beeinträchtigungen und dadurch ein Verlust des so- genannten funktionellen Niveaus. Dadurch wird es, wenn es im Verlauf zur so-
genannten Chronifizierung kommt, für die betroffenen Personen zunehmend schwerer sich um sich selbst und die Belange des täglichen Lebens zu kümmern.
Eine besondere Herausforderung können sogenannte Negativ- Symptome darstellen, gekennzeichnet
durch Sprach- und Affektverarmung, Aufmerksamkeitsstörungen, Apathie und Anhedonie.

Die Trancelogik stellt, meiner bisherigen klinischen Erfahrung nach, ein wertvolles Werkzeug dar, in
einer aufgebauten zwischenmenschlichen Beziehung (!), Schritte in Richtung Stabilisierung und
adäquater Behandlung zu gehen.
In der Arbeit und Kommunikation mit dem Unbewussten, wird bald klar dass dieses anderen Regeln folgt
als der bewusste Anteil unseres Selbst. Letzteres lebt in einer kausalen Welt, in der die Zahlenreihe immer
1,2,3 und 4 lautet, in der man Dinge entweder wahrnimmt oder auch nicht, in der es klare, lineare Abläufe
gibt welche einer Ursache-. Wirkung- Logik folgen.

Stumm und Pritz schreiben im „Wörterbuch der Psychotherapie“ : „Unter Trancelogik werden psychische
Verarbeitungsformen subsumiert, in denen die Regeln der Logik und die Naturgesetze gelockert oder
weitgehend aufgelöst sind. In hypnotischer Trance kann es z. B. für einen Erwachsenen selbstverständlich
sein, wie ein Vierjähriger zu sprechen, den Duft einer Rose wahrzunehmen, die nur in der Fantasie existiert, oder sich gleichzeitig an zwei Orten oder in zwei auseinanderliegenden Zeiten zu erleben. Nach
Trancelogik ist es möglich, gleichzeitig zu sehen und nicht zu sehen, zu tun und nicht zu tun etc. Der Satz
vom Widerspruch scheint aufgehoben in einer weitgehend primärprozeßhaft determinierten
Erlebnisform..“

Auch in der Arbeit mit Patienten/-innen mit psychotischen Episoden zeigen sich oftmals Parameter in der
Kommunikation ähnlich dem Unbewussten in der Trance: nicht- immer nachvollziehbare Gedanken mit
Sprüngen, Pseudologik, Veränderung der Wahrnehmung, wahnhafte Verkennung der Realität. Aus
diesem Grund erscheint in manchen Fällen Kommunikation wie mit Menschen in Trance möglich.

Dieses „sowohl als auch“ und „gerade nicht weil schon“ der unbewussten Prozesse stellt den/die
bewussten Behandler(in) vor wahre gedankliche Achterbahnfahrten in der Anwendung und
Kommunikation. Ebenso ermöglicht es absolute Aussagen und Hindernisse anzunehmen und gleichzeitig
schon umgangen zu haben wenn ein ausreichender Rapport besteht.
So gelingt oftmals im Gesprächsverlauf die Person gegenüber in ihrem Erleben anzunehmen: „So wie sie
es mir schildern, diese beschriebenen Menschen die sie verfolgen, Dinge in ihrem Leben verändern bzw.
manipulieren, dieses Gefühl der Beeinflussung und Bedrohung auch bis hierhin in diese Situation jetzt…“.
Wie bereits in Teil 1 berichtet kann das Erweitern um Interpretationen hinsichtlich Emotionen,
Bedürfnisse, etc. ermöglichen den Patienten/-innen die Meta- Position des medizinischen Personals
aufzuzeigen um so Symptome zu beleuchten: „…wird dies sehr anschaulich und begreifbar für mich. Es
erscheint mir eine sehr belastende Situation, sehr bedrohlich, eine Situation in der man mit allen Mitteln
versucht sich selbst zu schützen…“

Und da die Logik des Unbewussten nicht entweder/oder verwendet kann bei korrektem Timing nicht nur
die Tatsache angenommen werden dass die Person auf Grund von Verfolgungsideen ein hohes Maß an
Misstrauen in die Krankenhaussituation projiziert, sondern auch mit einer sehr konträr- anmutenden
Annahme verknüpft werden: „Und weil jetzt all dies zusammengekommen ist und sie genau wissen dass
sie sehr gut auf sich selbst achten müssen, ist es nun vielleicht an der Zeit hier Schutz zu finden, am
therapeutischen Programm im stationären Kontext teilzunehmen bzw. dieses anzunehmen und [wenn
angebracht] Entlastung durch Medikation anzunehmen.“

Sich der Tatsache bewusst zu werden, dass für manche Menschen die uns im klinischen oder
Gesundheitsbereich begegnen kognitiv andere Spielregeln gelten als für uns im Moment, stellt manchmal
den ersten Schritt dar die Person mir gegenüber tatsächlich dort abholen zu können wo sie ist. Erst dann
kann es uns gelingen sie an einen für sie besseren, von ihr definierten Ort zu bringen.
Das Konzept der Trancelogik und sprachliche Techniken aus dem Bereich der Hypnose, wie z.B. das
allgemeine Formulieren, sind dafür hoch-praktikable Methoden.

Der zweite Punkt nach der Trancelogik soll nochmals der Bereich Rapport sein.
Im „normalen“ Kontext der Kommunikation lebenPacing und Leading davon, dass sie nicht zu
offensichtlich durchgeführt werden. Folgt die Person mir gegenüber in jeder Veränderung der
Körperhaltung unmittelbar und offensichtlich ist die Absicht dahinter verloren. Es handelt sich nicht mehr
um einen dezenten Versuch auf die selbe Wellenlänge zu kommen um besser kommunizieren zu können,
es ist kein gemeinsames, ähnliches Einlassen auf den Prozess, kein Verstehen- wollen mehr sondern ein
plumpes Nachäffen meines Zustandes den ich nicht verstehen kann, das Schaffen einer Kluft, die mich
von der Person gegenüber entfremdet.

Die Psychose, aber auch das Vorliegen einer geistigen Behinderung oder einer Demenz, kreiert jedoch
Voraussetzungen für eine besondere Form der Kontaktaufnahme, welche Aspekte der hypnotischen
Kommunikation beinhaltet. Die Basis für Therapie und therapeutische Interventionen ist die Kontaktaufnahme. Carl Rogers entwickelte im Rahmen der Klientenzentrierten Psychotherapie verschiedene Bedingungen die erfüllt werden müssen, um den therapeutischen Prozess zu ermöglichen.

Unter anderem beinhaltet dies den vorhandenen Kontakt zwischen Patient/-in und Therapeut/-in und die
Fähigkeit, dass Wertschätzung, Einfühlung und Echtheit des Therapeuten/-in, vom Klienten/-in
wahrgenommen werden können.

In schweren Psychoseformen mit einem hohen Grad an Desorganisation in Gedanken und Handlung,
massiver Beeinträchtigung der Konzentration, Ich- Störungen wie Gedankenentzug und/oder -eingebung,
etc. sind diese Voraussetzungen zum Kontakt beeinträchtigt.
Die Vorstellung erscheint, gelinde ausgedrückt, unglaublich belastend, in einer momentanen Realität zu
sein in der Gedanken verschwinden, andere plötzlich in mir vorhanden sind welche aber als fremd
empfunden werden; Emotionen mich teils hilflos umspülen und aus der Balance bringen wie schulterhohe
Wellen im weichen, nachgiebigen Sand; Handlungen geplant werden um dann in einer verzerrten
Wirklichkeit nicht umgesetzt werden zu können da Regeln nicht mehr zusammenpassen; Menschen um
mich, die bedrohlich wirken, nicht nachvollziehbar sprechen. Kurzum, die Orientierungspunkte der
Realität sind verloren gegangen, die Kommunikation gebrochen, die eigenen Fähigkeit zur Schaffung
eines Koordinatennetzes nicht vorhanden bzw. folgt diese Fähigkeit nun Regeln die nicht bekannt oder
nachvollziehbar sind.

Garry Prouty begründete die Prä- Therapie, einer Weiterentwicklung der Klientenzentrierten
Psychotherapie, mit dem Wunsch, nicht- kontaktfähige und somit, im klassischen Sinn, nicht
therapiefähige Menschen zu erreichen, zu stabilisieren und therapiefähig zu machen.

Er erreichte dies durch das Stärken der 3 von ihm beschriebenen Kontaktfunktionen:
– Realitätskontakt
– Affektkontakt
– kommunikativer Kontakt.

Als Werkzeuge setzt er hier ein:
– das Ansprechen der Situation/Situationsreflexion (SR)
Zum Beispiel kann er wenn ein Patient einen Schrank betrachtet anmerken „Herr X/Paul schaut
den Schrank an“ um den Kontakt mit der Realität zu stärken.
– das Ansprechen des Gesichtsausdrucks/Gesichtsausdrucksreflexion
Zum Beispiel kann er wenn ein Patient lächelt anmerken „Herr X/ Paul lächelt“ um einen Kontakt
zur eigenen, momentanen Emotion herzustellen.
– das Wiedergeben der Körperhaltung/Körperhaltungsreflexion
Zum Beispiel kann er wenn ein Patient wiederkehrende körperliche Bewegungen ausführt
anmerken „Herr X/ Paul schaukelt“ um einen Bezug zum momentanen körperlichen Zustand im
Hier und Jetzt herzustellen.
– das Wort-für-Wort-Wiederholen/Wort-für-Wort-Reflexion
bei Rückfall auf ein annähernd präverbales Niveau sind Patienten/-innen teilweise nur mehr in der
Lage einzelne Worte zu äußern, diese könne wiederholt werden auch ohne den Sinn zu kennen.
Dies signalisiert dass zugehört wird und auf Signale geantwortet wird; es schafft ein Feedback des
von der Person geäußerten aus der Umwelt zurück
– das Prinzip des Wiederaufgreifens/wiederaufgreifende Reflexion
sollte der Kontakt abreißen kann ein vorher erfolgreiches Thema/ein Kontext wiederaufgegriffen
werden um den Kontakt wieder herzustellen. Dieses Prinzip lässt sehr an die Modalität des
Ankerns in der Hypnose erinnern.

Diese Art der Kommunikation kann, aus dem Blickwinkel der medizinischen Hypnose, als eine Art
„Pacing light“ bezeichnet werden. Die Notwendigkeit der dezenten Spiegelung fällt weg, es kann voll und
ganz offensichtlich erfolgen, denn verbale Äußerungen werden direkt wiederholt, Tätigkeiten
kommentierend beschrieben.

Ebenso ist es jedoch weiterhin möglich nonverbale Formen des Pacing wie Augenblinzeln, Atemfrequenz
direkt oder indirekt zu spiegeln. (Zur Erklärung: direkt bedeutet ich spiegle, z.B., den Atemrhythmus mit
meinem Atemrhythmus, indirekt bedeutet ich spiegle ihn aber in einer anderen Sinnesmodalität wie z.B.
einer tippenden Fingerbewegung in der Geschindigkeit der Atembewegung.) Dies kann die Intensität der
Kontaktaufnahme bzw. die Geschwindigkeit mit der dies geschaffen werden kann beschleunigen.

Speziell bei negativ- Symptomen der Psychose beschreibt Prouty gute Erfolge.
Neuere Untersuchungen verschieben den Fokus auf das Krankheitsbild der Demenz. Dies ist auch
dringend notwendig, da die Demenz bis zum Jahr 2030 lt. WHO einer der 5 häufigsten Erkrankungen
weltweit sein wird.

Medikamentös gibt es dzt. keine durchschlagend- wirksamen Therapiemöglichkeiten, auch bei begleitenden Symptomen wie Schlafstörungen, Aggression, Wandertrieb, etc. fehlen ursächlich-wirksame, nebenwirkungsfreie Optionen.

Als wirksam erwiesen haben sich Tagesstruktur, Aktivität, Bewegungsprogramme und menschliche
Interaktion. Im letzteren kann Pacing/Prä- Therapie eine wirksame Möglichkeit darstellen, Menschen auf
ihrem Lebensweg zu begleiten und zu (unter)stützen, gleichzeitig den Helfern wirksame Mittel in die
Hand geben um diesen oftmals beschwerlichen Weg mit Freude und Sinn zu erfüllen.

Das Meer der Kommunikation zeigt uns immer wieder das es allgemeine Gemeinsamkeiten gibt wie
Wellen und Küste, die in verschiedensten Schulen und Techniken andere Formen gefunden haben. Ein
überaus spannender Aspekt für mich in meinem dzt. Werdegang, ist all die Gemeinsamkeiten in den
verschiedenen Ecken wiederzuentdecken, wertzuschätzen, kennenzulernen und, so hoffe ich, auch andere
daran teilhaben zu lassen.

 

Quellen

Unterbringungsgesetz
https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10002936
Prä- Therapie
Pfeifer-Schaupp, U. Z Gerontol Geriat (2009) 42: 336. https://doi.org/10.1007/s00391-008-0008-2
https://www.focusing-igf-berlin.de/wp-content/uploads/Praetherapie_und_Focusing.pdf
„Prä- Therapie“, Prouty & Pörtner &VanWerde

Sonstige
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
(DGPPN)
https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/038-009k_S3_Schizophrenie_01.pdf

Möller, Laux, Kapfhammer – Psychiatrie und Psychotherapie, 3. Auflage.
Kanitschar H. (2000) Trancelogik. In: Stumm G., Pritz A. (eds) Wörterbuch der Psychotherapie. Springer,
Vienna

 

Dr.med.univ. Harald Hofer
Assistenzarzt für Psychiatrie und Psychotherapie Klinikum Klagenfurt
Psychotherapeut in Ausbildung

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