Hypnotische Hypermnesie und Amnesie

Die Begriffe der Hypermnesie und Amnesie wurden in Bezug auf die Hypnose
bereits im 18. Jahrhundert schriftlich erwähnt (Puységur, 1784) und bis heute
werden viele Diskussionen über diese Phänomene geführt. Doch was steckt
hinter diesen Begriffen, wo finden diese Techniken heutzutage Anwendung
und sind sie ein sinnvolles Werkzeug?

Die hypnotische Hypermnesie beschreibt die Fähigkeit, im Zusammenhang mit einer Hypnose außergewöhnliche Gedächtnisleistungen zu erbringen. Zum einen beinhaltet das, sich an Material aus der Vergangenheit zu erinnern welches ohne Hypnose nicht oder lediglich unzureichend verfügbar wäre (gesteigertes Wiedererinnern).  

Andererseits soll dadurch ermöglicht werden sich Informationen im Zustand der Hypnose besser einprägen und dieses länger und gefestigter speichern, sowie zu einem späteren Zeitpunkt exakter wiedergeben zu können.

Diese Gedächtnisverbesserung im Sinne eines leichteren Lernens und Reproduzierens ließ sich in Untersuchungen von Halsband (2004) nachweisen, jedoch nur bei hochsuggestiblen Personen und ausschließlich für bildhaftes Material; für abstrakte Inhalte kann Hypnose sogar ein Hindernis darstellen. 

In der Anwendung hypnotischer Hypermnesie ist zu bedenken, dass sich während einer Hypnose neben dem korrekten auch viel falsches (konfabuliertes) Material unter den Erinnerungen befindet; Hypnose erhöht den Evidenzgehalt des jeweiligen Erlebnisses und senkt die Tendenz zur Realitätsprüfung. 

Diese Tatsache war letztlich auch Ausgangspunkt für die „False-Memory-Syndrom“-Bewegung in den 90er-Jahren in den USA. Unter Hypnose aufgedeckte Fälle des Kindesmissbrauchs führten damals zu heftigen Diskussionen und ließen diese Methode letztlich in schlechtem Licht erscheinen. 

Bei richtiger Anwendung kann diese Methode jedoch sehr hilfreich sein um erlebtes Material aufzuarbeiten. Es ist allerdings immer zu bedenken, dass die historisch erlebte Erinnerung während einer Hypnose nur außerhalb und unabhängig von Hypnose bewiesen werden kann.  

Gegenüber der Hypermnesie steht die posthypnotische Amnesie, welche eines der spektakulärsten hypnotischen Phänomene darstellt. Sie beschreibt die Unfähigkeit sich an das in der Trance Erlebte oder Gelernte zu erinnern. Dabei kann sie sich auf Teile (Teilamnesie) oder auf alles (komplette Amnesie) beziehen.  Sie ist reversibel und kann auf eine bestimmte Suggestion hin oder in einer weiteren Trance wieder aufgehoben werden.  

Ein wichtiger Bereich der Teilamnesie ist die Quellenamnesie, bei der die Erinnerung an die Information (posthypnotische Aufgabe) vorhanden ist, allerdings nicht die Erinnerung an die Quelle selbst, also wer die Information wann gegeben hat. 

Die posthypnotische Amnesie stellt allerdings ein schwieriges hypnotisches Phänomen dar, sodass diese Amnesie-Aufgabe nur von relativ wenigen Personen erfüllt werden kann, in Deutschland sind dies ca. 36%.

Wichtige Werkzeuge einer posthypnotischen Amnesie sind die Symbolisierung sowie Externalisierung im Sinne eines Rituals. So kann man z.B. gewisse Teile des Erlebten einer Therapie im Therapieraum an einem geeigneten Platz ablegen und zurücklassen und ist bis zur nächsten Therapie frei davon. Je nach Belastung kann es notwendig sein das Symbol sowie das Ritual konkreter zu gestalten, wie beispielsweise einen Tresor mit Zahlenschloss, in dem man den betreffenden Teil bis zum nächsten Mal verschließt. 

Bei besonders belastendem oder traumatischem Material, welches voraussichtlich über einen längeren Zeitraum bearbeitet werden muss, bieten sich unterschiedliche Techniken an um den Patienten im Alltag nicht zusätzlich zu belasten. Hierbei wären als wichtige Techniken die Markierung der Zustandsabhängigkeit, Trance in der Trance sowie Schachtelgeschichten zu nennen. 

Des Weiteren hängt der Erfolg einer posthypnotischen Amnesie von einer Überraschung/Konfusion direkt am Ende einer Trance ab. Alles was die Aufmerksamkeit unmittelbar nach der Trance auf ein anderes Thema fokusiert fördert die Amnesie. Genau dieses kleine Zeitfenster zwischen Trance und Reorientierung muss genutzt werden um Konfusion zu erzeugen sodass es ermöglicht wird, das therapeutische Material anamnestisch werden zu lassen. 

Letztlich kann die posthypnotische Amnesie vielseitig eingesetzt werden, sei es für die Arbeit mit traumatischem Material, das arbeiten mit psychosomatischen oder somatoformen Patienten oder der allgemeinen Arbeit mit hypnotischer Altersregression, bei der man gelegentlich unerwartet auf traumatische Ereignisse stoßen kann.

Bei Gedächtnis- und Erinnerungsschwächen sowie einer Tendenz zur Verdrängung oder zur Dissoziation sollte von dieser Methode jedoch Abstand gehalten werden. 

Abschließend lässt sich sagen, dass sowohl die hypnotische Hypermnesie als auch die posthypnotische Amnesie, unter Voraussetzung der korrekten Anwendung, wichtige und oftmals unerlässliche Möglichkeiten bereitstellen um eine erfolgreiche Therapie durch Hypnose zu erreichen. 

 

Oliver Holzschuh

Medizinische Universität Graz

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