Hypnotische Noceboeffekte

In Extremsituationen oder in als existentielle Bedrohung erlebten Situationen wie zum Beispiel Angst, Stress, Krankheit, Operation, Behinderung oder auch bei Konfrontation mit dem Tod befinden sich Patienten zum eigenen Schutz in einem natürlichen Trancezustand. In diesem besonderen veränderten Bewusstseinszustand besteht einerseits eine fokussierte Aufmerksamkeit für Informationen und Signale, die auf sich selbst bezogen werden sowie auch eine stark erhöhte Suggestibilität. Diese Hypersuggestibilität bedeutet, dass Suggestionen in diesem Zustand stärker wirken als gewöhnlich.

Suggestionen können sowohl positiv als auch negativ auf Menschen einwirken und kommen in unserem Alltag überall vor. Im medizinischen Umfeld, welches für viele Patienten eine Extremsituation darstellt, finden sich weit verbreitet – wenn auch unbeabsichtigt – Negativsuggestionen. 

Negative Suggestionen können entweder auf direkte Weise oder über einen sogenannten Noceboeffekt (durch die erhöhte Erwartungsangst nach Negativsuggestion) wirken. Der Begriff Nocebo stammt aus der Arzneimittelforschung und bedeutet weit gefasst die Verursachung von Symptomen durch deren Erwartung sowie den damit verbundenen Gefühlszuständen.  

Dem Nocebo liegen zwei Mechanismen zugrunde: Einerseits die Erfahrung bzw. Konditionierung in der Vergangenheit, andererseits die Erwartungshaltung. Letztere wird oft durch Worte vermittelt und kann als Weitergabe von Erfahrungen durch Kommunikation aufgefasst werden. Der Mechanismus der Entstehung eines Nocebo-Effektes zeigt sich am Beispiel der Verstärkung von Schmerzen bei erhöhter Erwartungshaltung: Nach verbalen Negativsuggestionen kommt es zur Aktivierung spezifischer schmerzverarbeitender Hirnareale, die auch in der funktionellen Bildgebung dargestellt werden können (Benedetti et.al. 2007). Hierbei lässt sich erkennen, dass die gleichen Hirnareale aktiviert werden, wie bei echtem Schmerz. Man findet auch biochemische Korrelate dazu, wie ein Absinken Analgesie-vermittelnder Mediatoren wie z.B. Endorphine und Dopamin oder das Ansteigen Hyperalgesie-vermittelnder Mediatoren wie Cholecystokinin (Benedetti u. Amanzio1997). Das bedeutet, dass der Körper nicht zwischen einem echten und einem eingebildeten Schmerz unterscheiden kann. Daher ist ein Nocebo-bedingter Schmerz ebenso real, wie ein durch eine Noxe ausgelöster.  

In der spezifischen Form bedeutet der Nocebo-Effekt, dass die Erwartung eines bestimmten Symptoms dieses auch hervorruft. In seiner generalisierten Form entsteht durch die negative Erwartungshaltung Angst, Stress und eine pessimistische Einstellung, die die Gesundheit insgesamt beeinträchtigt. Der Noceboeffekt generiert nicht nur Nebenwirkung, er kann auch die Wirksamkeit der Behandlung einschränken, oder ins Gegenteil verkehren. Ängstliche Patienten entwickeln beispielsweise deutlich häufiger Nebenwirkungen durch Noceboeffekte. 

Jedes Symptom, jede Krankheit, Nebenwirkung oder Komplikation kann durch „falsches Sprechen darüber“ induziert werden. Die medizinische Aufklärung, speziell die Risikoaufklärung vor Operationen oder Anästhesie, ist ebenso eine Quelle von NoceboEffekten und Negativsuggestionen. Diese sprechen innere Bilder mit starken Wirkungen auf unwillkürliche Körperfunktionen an. Sie führen dazu, dass ein Großteil der geschilderten Nebenwirkungen auch wirklich eintritt. Zum Beispiel entwickelte die Hälfte der Patienten nach Lumbalpunktionen Kopfschmerzen, wenn sie über diese Nebenwirkung aufgeklärt wurden, hingegen nur jeder 10., wenn nicht darüber gesprochen wurde.  

 Derartige unbeabsichtigte negative Suggestionen im klinischen Alltag kommen häufig durch das Nutzen von Fachjargon, doppeldeutiger Worte, direkte negative Formulierungen oder auch durch das Aufmerksam machen auf gewisse Umstände zustande. Hier sind beispielsweise zu nennen:  

  • „Vielleicht hilft dieses Medikament.“ 
  • „Probieren wir mal dieses Mittel aus.“ 
  • „Wir verkabeln sie jetzt.“ (Anschließen an das Überwachungsgerät) 
  • „Dann schneiden wir Sie in ganz viele dünne Scheiben.“ (Kernspintomographie) 
  • „Dann machen wir Sie jetzt fertig.“ (Vorbereitung zur Operation) 
  • „Jetzt schläfern wir Sie ein, gleich ist alles vorbei.“ (Narkoseeinleitung) 
  • „Ich hole noch schnell etwas aus dem Giftschrank (Narkosemittel-Safe), dann können wir anfangen.“ 
  • „Sie sind ein Risikopatient.“ 
  • „Das tut schon immer höllisch weh.“ 
  • „Ist Ihnen übel?“ (Aufwachraum) 
  • „Rühren Sie sich, wenn Sie Schmerzen haben.“ (Aufwachraum) 

Ärzte nehmen also auf Patienten, deren Krankheit und Heilung nicht nur durch die verschriebenen Medikamente, durchgeführten Behandlungen und Operationen Einfluss, sondern auch durch ihre Worte und ihre Person. Eine Schädigung durch Worte hängt daher auch wesentlich von der therapeutischen Beziehung ab. Worte sind laut einer Studie das mächtigste Werkzeug, über das ein Arzt verfügt. 

 Auch nonverbale Kommunikation spielt in diesem Bewusstseinszustand eine Rolle. Dazu zählen einerseits nonverbale Komponenten wie Körperhaltung, Berührung, Gesichtsausdruck und andererseits paraverbale Komponenten wie Stimmlage, Tonhöhe, Betonung und Sprechgeschwindigkeit. Diese haben zwar keine Bedeutung an sich, sind aber Träger von Informationen, denen nachfolgend eine Bedeutung gegeben wird. Ob in diesem Bewusstseinszustand etwas als Information wahrgenommen wird und als Stimulus etwas auslösen kann, ist dabei von individuellen Vorerfahrungen und einer bestimmten emotionalen Disposition des Patienten abhängig, aber auch von der therapeutischen Arzt/Patientenbeziehung bzw. deren Fehlen.   

Für eine weniger negative und traumatisierende Kommunikation kann hier von der Hypnotherapie gelernt werden. Um derartige negative Suggestionen zu vermeiden, gilt es den veränderten Bewusstseinszustand des Patienten zu kennen und zu erkennen. Negative Suggestionen sollten als solche erkannt werden, um sie zu vermeiden oder zu neutralisieren und es sollte auf alternative Formulierungen, bestenfalls sogar positive Suggestionen, zurückgegriffen werden. Durch Gesprächsführung mit Rapport kann zu Entschleunigung, Achtsamkeit beigetragen werden. Weiters ist der Aufbau und die Aufrechterhaltung einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung unerlässlich, bei der man sich vor allem auf den Patienten und seine Genesung fokussiert, statt nur auf seine Symptome und Krankheit. Die Lösungsorientiertheit sollte hierbei im Vordergrund stehen und auch eine 

Ressourcenaktivierung statt verordnender Passivität sollte nicht vernachlässigt werden. 

 

Quellenverzeichnis 

  • Hansen Ernil: Negativsuggestionen in der Medizin 
  • Schröder Hartmut, Graf Richard: Noceboeffekte Plädoyer für wohlgeformte Kommunikation  https://www.k-i-e.com/nocebo-effekt/ 
  • Hansen Ernil: Aufklärungsschäden 
  • Boukal Christian: Nocebophänomene in der Medizin 
  • Häuser Winfried et.al: Nocebophänomene in der Medizin. Bedeutung im klinischen Alltag 
  • Hansen Ernil: Nocebo-Effekte und Negativsuggestionen in der Medizin 
  • Zech Nina. et.al.: Nocebo-Effekte – Negativwirkungen der Aufklärung 
  • Grzesiek Magdalena.: Effekte von verbalen und nonverbalen Suggestionen aus dem klinischen Umfeld auf die Armmuskelkraft 
  • Seemann  Milena, Zech Nina, Hansen Ernil: „Worte wie Medizin“ bei Schmerz https://www.thieme.de/de/naturheilverfahren/worte-wie-medizin-bei-schmerz-71690.htm 

 

Dr.Brigitte Gmeiner 

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