Mikrobiom, Darm-Gehirn-Achse und die Wirkung der Bauchhypnose – Hypnoseausbildung

 

Hypnoseausbildung: Vieles geschieht einfach im Hintergrund. Während des bewussten Lesens dieses Satzes schlägt das Herz einige Male, es geschehen wie von selbst zwei Atemzüge, eine Fülle von Botenstoffen wird ganz nebenbei freigesetzt und die Augenlider blinzeln vielleicht mehrmals, während sich der Darm leise bewegt.

1987 in Manchester: Peter Whorwell, ein Arzt, der sich mit therapieresistenten Reizdarmsyndrom- PatientInnen beschäftigte, schritt durch einen spärlich beleuchteten Raum. Er sprach leise einige Suggestionen zu liegenden PatientInnen- die Idee der Bauchhypnose oder „gut directed hypnosis“ war geboren. Whorwell führte erstmals Hypnose-Gruppentherapien mit erstaunlichen Ergebnissen durch: PatientInnen mit schwer ausgeprägtem Reizdarmsyndrom remittierten, selbst nach 18 Monaten blieben die PatientInnen symptomfrei. Dies war der erste Schritt in Richtung einer psychosomatischen Therapieform, die heute als Schulmedizin gilt- aber dazu später mehr. Hypnoseausbildung

Wie funktioniert es nun, dass etwas scheinbar nicht fassbares wie Hypnose Veränderungen im Körper auslöst und Symptome von ReizdarmpatientInnen mindert? Wie wirkt das Gehirn auf den Darm?

Viele klinische Phänomene, die wir als psychosomatische Reaktionen oder somatoforme Krankheiten bezeichnet haben, können heute basierend auf den Fortschritten in der Grundlagenforschung besser erklärt werden. Die sogenannte Neuro-Gastroenterologie beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen unserem Bewussten und dem Unbewussten- namentlich mit einer gewissen Achse zwischen Gehirn und Körper, der sogenannten Darm-Gehirn-Achse (Gut-Brain-Axis). Das enterische Nervensystem beherbergt 100 Millionen Neurone (das ist mehr als das Rückenmark oder das periphere Nervensystem). Es steht damit in ständigem Austausch mit den Darmbakterien (Mikrobiota) und beeinflusst über den Nervus Vagus, das Immunsystem und Bakterienmetabolite das Gehirn. Ich weiß nicht, ob du gewusst hast, dass Bakterien über gewisse Stoffe sogar die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke beeinflussen können! Der Darm ist somit ein unbewusstes System, mit weitreichenden neurophysiologischen Auswirkungen.

Wie ist das nun mit den Darmbakterien? Und wie beeinflussen Sie unser Gehirn und unsere Empfindungen?

„… Ich stelle die These auf, das in demselben Individuum mehrere Gruppierungen möglich sind, die ziemlich unabhängig voneinander bleiben können, voneinander „nichts wissen“, und die Kontrolle alternierend an sich reißen.“ (S. Freud- Über Psychoanalyse, Fünf Vorlesungen)

Hätte sich Sigmund Freud mit Darmbakterien beschäftigt, wäre seine oben genannte These heute wirklich bestätigt: Studien haben gezeigt, dass Darmbakterien sehr wirksam über die Darm-Gehirn-Achse in den Neurotransmitterhaushalt eingreifen, Gefühle verändern, das Körpergewicht beeinflussen und uns auch, durch die Produktion von GABA in der Nacht, in einen angenehmen, schläfrigen Zustand versetzen können. Und bei dieser Masse von bakteriellen Spezies erscheint dies gar nicht erstaunlich: Allein im Darm bevölkern uns rund 1013-1014Mikroorganismen. Das genetische Material, welches Bakterien (Mikrobiota) in sich tragen, wird als „Mikrobiom“ bezeichnet. Hypnoseausbildung

Aus genetischer Sicht ist also ein Mensch deines Alters, welcher vielleicht auch gerade diesen Artikel liest, streng genommen gar nicht so menschlich. Wir bestehen zu ungefähr 95% aus bakteriellem Ergbut, und nur 5% humane DNA machen uns aus. Wenn also ein Patient zu mir in die psychiatrische Ambulanz kommt, behandle ich in erster Linie eine wandelnde Bakterienkolonie. Und das ist auch deshalb interessant, da viele Psychopharmaka im Darm antibiotischwirken und so das Mikrobiom psychopharmakologisch oft „unbewusst“ mitbehandelt wird!

Psychische Erkrankungen sind wie chronische Darmerkrankungen manchmal durch etwas Traumatisches ausgelöst- sei es ein zwischenmenschlicher Verlust oder Konflikt oder eine Tropeninfektion- der Magen- Darm-Trakt ist lernfähig und konditionierbar- ins Negative wie auch ins Positive. Und hier können suggestive Techniken, die wir für unsere Patientinnen einsetzen, ihre Wirkung entfalten. Die Darm-Gehirn-Achse ist ein bidirektionales System. Der Darm kann also mit dem Gehirn, das Gehirn aber auch mit dem Darm kommunizieren. Schlüsselareale, die gut auf hypnotische Suggestionen ansprechen sind beispielsweise die Amygdala, der Hypothalamus, der anteriore cinguläre Cortex und der präfrontale Cortex.

„Heilende Botenstoffe fließen dorthin, wo der Körper sie braucht.“ (Ausschnitt aus einem Protokoll zu Bauchhypnose)

Peter Whorwell in Manchester war verblüfft von seinen Ergebnissen und veröffentlichte die Methode der „gut-directed-hypnosis“ nach dem „Manchester Protokoll“. Seine Sitzungen dauerten 30-60 Minuten, mit einer Sitzung pro Woche über 3 Monate. Insgesamt waren sieben bis zwölf Sitzungen notwendig. Zusätzlich lernten die PatientInnen die sehr wirksame Methode der Autosuggestion, welche sie täglich übten. Heute ist die Bauchhypnose ein anerkanntes Verfahren der Schulmedizin und trägt den Evidenzgrad A der S3 Leitlinie Reizdarmsyndrom, da die Wirksamkeit ausreichend durch Studien untermauert wird.

Somit entdecken wir ein großartiges therapeutisches Potential, wenn wir bemerken, wie Wörter wirksam werden. Durch spezielle Hypnoseverfahren können wir die Therapie von psychosomatischen Erkrankungen sinnvoll und schulmedizinisch ergänzen.

Und so wird es offensichtlich, was bereits vor tausenden von Jahren postuliert wurde: „Der Geist bewegt die Materie“ (Vergil, Aeneis 6, 727)-Denn Vieles geschieht einfach im Hintergrund. Während des bewussten Lesens dieses Satzes wird vielleicht gerade bei einer Person deines Alters eine Fülle von heilenden Botenstoffen freigesetzt und die Augenlider blinzeln vielleicht mehrmals, während sich der Darm leise bewegt.

Hypnoseausbildung

Autor:
Univ. Ass. DDr. Sabrina Mörkl,
Univ. Klinik für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin,
Medizinische Universität Graz
sabrina.moerkl@medunigraz.at

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