Stellvertretertechnik in der Medizinischen Hypnose

TherapeutInnen können ihren PatientInnen mit Hilfe einer Stellvertretertechnik Gefühle und Erfahrungen vermitteln, die sie noch nicht zulassen können beziehungsweise die noch nicht zu ihrem Selbstbild passen. Dieser Stellvertreter macht die Erfahrungen in der Trance für PatientInnen, allerdings erleben diese die Szenen in der Trance mit und können dadurch einen leichteren Zugang zu ihren emotionalen Erfahrungen finden.

Beispiel:

Der/die PatientIn schildert die Symptomatik (Schlafstörungen, depressive Verstimmung…) und der/die TherapeutIn vermutet einen Zusammenhang mit der belastenden Lebenssituation (gewalttätiger Partner / gewalttätige Partnerin) mit entsprechenden Gefühlen. Zunächst wird der/die TherapeutIn die Symptombehandlung durch Veränderung der Lebenssituation unter Berücksichtigung der beteiligten Gefühle versuchen. Jedoch können in diesem Fall Gefühle wie mangelndes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle sowie Angst verhindern, dass PatientInnen Gefühle wie Wut und Hass zulassen beziehungsweise eine Konfrontation vermeiden.

Eine therapeutische Möglichkeit ist PatientInnen in Trance die verdrängten Gefühle wie Wut als nutzbare Kraft erleben zu lassen. Allerdings können vor allem zu Beginn einer Therapie Gefühle wie Angst und Schuld einer Auseinandersetzung im Weg stehen, der Patientenwunsch einer reinen Symptombehandlung vorhanden sein und ein Zusammenhang mit der belastenden Lebenssituation verleugnet oder verdrängt werden.

Der/die TherapeutIn sollte zunächst davon ausgehen, dass der/die PatientIn recht hat.
Wenn nach detaillierter Diagnostik weiterhin der Verdacht des Zusammenhangs der Symptome mit der belastenden Lebenssituation besteht können folgende Szenarien entstehen:

– Der/die TherapeutIn insistiert auf seinem/ihrem Standpunkt und löst bei dem/der Patienten/Patientin einen Widerstand aufgrund von Angst- und Schuldgefühlen aus. Ein Abbruch der Therapie aufgrund von mangelndem Verständnis kann hier die Folge sein.

– Der/die TherapeutIn übernimmt den Standpunkt des/der Patienten/Patientin und die Möglichkeit der effektiven Ursachenbehandlung bleibt verwehrt. Dies kann zum Therapieabbruch aufgrund von Ineffektivität führen.

Die Stellvertretertechnik kann in solch einem Fall den ersten Zugang zu Gefühlen und Erfahrungen erleichtern und gleichzeitig wird der Widerstand des/der Patienten/Patientin respektiert.

Beispiele für Stellvertreter

Der Stellvertreter Felsen kann für Stärke und Kraft stehen. Hier bietet sich an Stelle einer Entspannungsinduktion eine Tranceinduktion zur Vermittlung der Erfahrung und des Erlebens von Stärke, Festigkeit und Unangreifbarkeit an.

Der Stellvertreter Bäume kann für das passive Widerstand leisten und Druck aushalten stehen.

Der Stellvertreter Blumen kann bei depressiven PatientInnen zur indirekten Vermittlung eines Hoffnungsgefühls verwendet werden.

„Die Blumen, die unter Eis und Schnee so schwach scheinen, aber dennoch verfügen Sie über soviel Kraft, um sich durch den Schnee in die Sonne zu arbeiten.“
Der Stellvertreter Wasser / Staudamm kann die gefühlsmäßige Erfahrung einer aggressiven Befreiung vorgeben.

Bei der Stellvertretertechnik ist auf die richtige Dosierung eines Gefühls zu achten: Der Stellverteter Staudamm kann bei einem/einer Patienten/Patientin mit lange gehemmten Aggressionen als zu stark empfunden werden. Eine Alternative kann hier der Stellvertreter Zugvögel sein:

„Wer hat nicht schon Zugvögel beobachtet, die sich im kalten Spätherbst sammeln und dabei sehr aufgeregt scheinen, was verständlich ist. Sie müssen sich entscheiden, ob sie in der kalten, bedrohlichen Umgebungen bleiben wollen oder sich auf einen Weg machen, der vielleicht länger ist, aber sie in die Wärme bringt, wo sie frei und leicht leben können.“

Dieses Beispiel verdeutlicht auch die Möglichkeit der Kombination von Stellvertreter- und Einstreutechnik: Durch das Verwenden des Personalpronomen „sie“ anstatt von „die Vögel“ können direkte Suggestionen eingestreut werden, ohne den/die Patienten/Patientin direkt anzusprechen.
In der deutschen Sprache entspricht nämlich die 3. Person Plural (sie/ihnen) akustisch der höflichen Anrede (Sie/Ihnen).
Bei PatientInnen die per du angesprochen werden wollen, können entscheidende Elemente im Infinitiv wiederholt werden.

Reaktionen von PatientInnen

Allgemein sind die Reaktionen von PatientInnen auf die Stellvertretertechnik schwer vorherzusagen. Die Stellvertretermethode kann unmittelbar während der Trance zu sehr starken emotionalen Reaktionen führen. Es kann aber auch passieren, dass PatientInnen während der Therapiesitzung keine besondere Reaktion zeigen, sich jedoch im Alltag eine spontane Änderung des Verhaltens präsentiert, ohne vorherige spezifische Rücksprache.
PatientInnen können die in der Stellvertretertechnik vorgeschlagene Erfahrung auf sich beziehen, für sich umdeuten oder verweigern. Eine bestimmte emotionale Erfahrung wird nicht zwingend vorgeschrieben.

Durchführung der Stellvertretertechnik

Es ist empfehlenswert dem/der Patienten/Patientin eine Erklärung der Trancesequenz, in der die Stellvertretertechnik verwendet, anzubieten, damit er das Vorgehen des/der Therapeuten/Therapeutin einordnen kann.
Ein/eine PatientIn könnte bei über Entspannung und symptomorientierten direkten Suggestionen hinausgehenden Suggestionen nachdenklich werden, Erklärungen fordern, die zur Enthüllung der Absichten führen und somit mehr Widerstand bei dem/der Patienten/Patientin hervorrufen.
Nach der Trance müssen die durch den Stellvertreter angesprochenen Inhalte nicht besprochen werden, da dies zur Distanzierung von den Gefühlen führen kann.

In der Trancesprache sollten nicht nur visuelle oder akustische Empfindungen angesprochen werden, sondern auch konkrete körperliche Empfindungen wie beispielsweise Schwere, Leichtigkeit und Druck.
Somit werden nicht nur innere Bilder hervorgerufen, sondern auch Körperempfindungen vermittelt. Es ist auch möglich dem Stellvertreter Merkmale und Attribute zuzuschreiben.

Quellenangabe:
Dirk Revenstorf & Burkhard Peter (Hrsg.) (2015). Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Manual für die Praxis. Heidelberg: Springer.

 

Autor: 

Attila Becze, Medizinische Universität Graz

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