Vom Dreieck über das Quadrat zum Kreis – Eine Reflexion über Transzendenz

 

Der Weg vom Dreieck über das Quadrat zum Kreis kann auf vielerlei Weise beschritten werden. Der Weg sowie das Ergebnis reflektieren den momentanen eigenen Horizont, den man besitzt. Ein Student hat mir vor einigen Jahren auf eine Frage wie folgt geantwortet: „Wenn ich es mit meinem derzeitigen Horizont betrachte…..“. Für mich war das eine wundervolle Formulierung, welche einerseits die Selbsterkenntnis beinhaltet, dass der eigene Horizont die Erkenntnisfähigkeit beeinträchtigt, andererseits die Möglichkeit aufzeigt und akzeptiert, dass es noch etwas anderes gibt, als das, was man im Augenblick begreift. Was sind solche Horizonte?

Zum Beispiel der enge Horizont einer ideologisch gefärbten Erziehung, der Horizont eines theozentrischen Weltbildes, wie es bis zur Aufklärung gegolten hatte, oder der Horizont einer beseelten Natur bei Naturvölkern mit Geistern, Schamanen etc. Hypnoseausbildung

Ich werde im Folgenden das Problem des eigenen Horizontes anhand einer Aufgabe verdeutlichen: Aus dem Horizont der Ebene betrachtet, hat ein Dreieck die minimalste Approximation einer geometrischen Form an den Kreis. Fügen wir ein Seite dazu, erhalten wir ein Viereck, die Approximation wird besser, fügen wir noch eine Seite dazu, haben wir ein Fünfeck, noch besser usw. Das Oktagon nähert sich der Kreisform noch etwas mehr, man könnte dies unendlich fortsetzen und so dem Idealbild, der Perfektion des Kreises immer näher kommen. Die Idee, auf die Außenflächen des Oktagons 5 Quadrate und drei Dreiecke zu setzen, würde durch deren äußere Ecken einem Kreis noch näher kommen, als das Oktagon selbst. Symbolisch könnte man sagen: die insgesamt 29 Ecken, die man für dieses Konstrukt braucht, entsprechen 29 Tugenden, der Veredlung des Menschen, sie führen ihn näher an die Perfektion heran, doch er kann sie auch dadurch niemals erreichen, er bewegt sich weiter innerhalb seines eigenen Horizontes – in der Ebene. Um die Perfektion zu erreichen, braucht der Geist aber die Transzendierung.

Wie können wir die Grenze unseres Vorstellungsvermögens überschreiten? Wie können wir unseren Geist transzendieren, um echte Intuition begreifen zu können?

Die Transzendierung läßt sich anhand eines Beispiels näher erklären:

Stellen wir uns wieder ein Dreieck vor. Die Summe aller drei Winkel ist immer 180°. Ein rechtwinkeliges Dreieck hat daher einen Winkel mit 90° und 2 Winkel mit 45°. Ein Dreieck mit drei rechten Winkeln, also 3 x 90° können wir uns nicht vorstellen, weil unser Horizont es nicht zulässt. In unserer Vorstellung würde ein offenes Quadrat mit einer fehlenden Seite und zwei fehlenden Ecken entstehen.  

Stellen wir uns jetzt aber ein Dreieck vor, das auf einer Kugel liegt, werden wir bemerken, dass die Summe der Winkel größer wird, als 180°. Wenn man z.B. eine riesige Kugel, wie die Erde, in 8 gleichgroße Stücke teilen würde, dann wären auf der Erdoberfläche 8 riesige, leicht gekrümmte Dreiecke zu finden. Würde man an den drei Spitzen eines solchen Dreieckes stehen und den Winkel mit einem Winkelmaß messen, würde jeder der drei Winkel dieses Dreiecks für 90° messen. Die Seiten erschienen uns gerade (daher die einst die Vorstellung, die Erde sei eine Scheibe) und die Fläche des Dreiecks erscheinen uns eben. Und wir würden vor dem Rätsel stehen, dass wir es mit einem Dreieck zu tun haben, dessen drei Winkel alle 90° beschreiben, dessen einzige Auffälligkeit ist, dass es sehr groß ist. Erst die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist und dass wir die Krümmung mit dem Auge nicht wahrnehmen können, lässt und dieses sonderbare Dreieck verstehen. Setzen wir den Gedanken fort: Auf einer unendlich großen Kugel wäre dann jeder Winkel dieses Dreiecks tatsächlich 90°, wie bei einem Quadrat, die Geraden wären tatsächlich gerade und die Fläche wäre tatsächlich eben, wie bei einem Quadrat. So erschließt sich das Geheimnis des Weges vom Dreieck über das Quadrat (ein Quadrat mit drei Ecken oder ein Dreieck mit drei rechten Winkeln) zum Kreis, da ja alle 3 dieser unendlichen Geraden (mathematisch gesehen) als Kreis in sich selbst münden, 8 dieser Dreiecke eine Kugel ergeben, die aus unendlich vielen Kreisen besteht… durch Eintritt in eine andere Dimension, durch Transzendieren der eigenen Dimension, hier durch (unendlich geringe) Krümmung der Ebene. Hypnoseausbildung

Auf diese Weise können wir auch die Natur des Lichtes begreifen: betrachten wir das Teilchen, das Korpuskel als Kugel – eindimensional erschließt sich aus der Kugel der Kreis als Dimension, teilen wir diesen in der Mitte und verschieben wir die untere Hälfte zur Seite bis ein liegendes S entsteht, haben wir die Sinuswelle, legen wir viele davon aneinander, werden aus den aneinandergereihten zweidimensional abgebildeten Korpuskeln Wellen, welche sich ausbreiten können. Verschieben wir die Hälften der liegenden S gegeneinander, entsteht die liegende 8, das Zeichen für die Unendlichkeit und im selben Moment durch Interferenz die Auflösung der gegensinnigen Wellen in Nichts. An dem Ereignishorizont der erdachten Linie, an welcher entlang die Halbkreise verschoben werden können, liegen also gleichzeitig das Nichts und die Unendlichkeit. Dort, wo sich das Denken auflöst und durch Nichtdenken der unendliche Geist erfahrbar wird. Ziehe ich um das S, der Sinuswelle mit dem Zirkel einen Kreis, erschließt sich interessanter weise das chinesische Zeichen für die Harmonie zwischen den entgegen gerichtete Polen, Yin und Yang.

Um die Transzendierung des Dreieckes zu verstehen, hilft uns die Kabbala: Das Dreieck wird hier aufgespannt zwischen Kether, Chochmah und Binah. Das Dreieck ist hier das geometrische Symbol für Einheit-Lösung-Integration und für  Geburt-Leben-Tod. Kether bezeichnet den ersten Lichtstrahl der Schöpfung, welcher aus der Urnacht hervortritt und die Finsternis erhellt. Dieser obere Eckpunkt des Dreieckes entspricht im Taoismus dem sog. „Primordial being“ dem „ursprünglichen Sein“, welches noch nicht manifestiert ist als Marterie, die androgyne Form der Gottheit, wie zum Beispiel durch die grüne Tara des tibetischen Buddhismus symbolisiert. In der westlichen Philosophie würde Kether der reinen Vernunft im Kant´schen Sinne entsprechen.  Über Kether wirkt die Schöpfung in die Polarität.

Kether beinhaltet aber bereits die beiden anderen Eckpunkte des Dreiecks: Chokmah: die theoretische Vernunft, das männliche Prinzip und Binah die praktische Vernunft, das weibliche Prinzip , Yin und Yang, Urvater und Urmutter, Prinzip des Lebens, des Geboren-werdens und Erschaffens. Die Erkenntnis des Urlichtes als Ursprung der dualistischen Welt durch Wiedervereinigung der gegensinnigen Prinzipien Chokmah und Binah eröffnet sich als Mahbinah.

Erst wer diesen Zusammenhang in Trance innen erfahren hat, kann aufsteigen in das höhere Verständnis, kann das Dreieck verlassen und das höhere Bewußtsein erfahren. Dies geschieht über Zimzum (hebr. צמצום, wörtlich ‚Konzentration’ oder ‚Kontraktion’), welches sich aus dem Alleinen, dem Unendlichen, der Soheit aller Phänomene, praktisch aus sich selbst heraus erschafft. Zimzum kann als die Selbstkontraktion Gottes aus seiner eigenen Mitte heraus verstanden werden. Dabei entsteht in der Unendlichkeit ein ortloser, mystischer Hohlraum, durch den die Existenz des Weltalls überhaupt erst möglich gemacht wird. Diese Transzendierung des Geistes aus dem Dreieck über Zimzum ist der Schlüssel für das höhere Bewußstein En Soph (heb. אין סוף ēyn sōf, „es hat kein Ende“). Dieses entspricht der buddhistischen Erleuchtung  und in der Alchemie dem Stein der Weisen, im Taoismus dem Goldelixier, dem Zustand vor der Schöpfung. Besonders schön ist das Symbol für En Soph: die liegende 8 im Kreis (siehe oben).

Und während das bewußte Denken sich sicher noch nicht ganz sicher ist, was all dies zu bedeuten hat, weiß das Unbewußte ganz genau, wo diese Erkenntnis hinführt.

Wie in allen Religionen sind es auch im Taoismus die Tugenden, welche den mystischen Weg zur Erleuchtung öffnen. Die Eckpunkte des Dreieckes sind hier der reine Geist, die Vitalität und der Punkt, wo Sein und Nichtsein einander durchdringen. Als Ergebnis steht im Taoismus ebenfalls ein sehr schönes Symbol, das Quadrat eingeschrieben in den Kreis: die erreichten Tugenden beherrschen das Innere (nun ein Quadrat) und der Kreis symbolisiert das unabhängige, intuitive Reagieren im Sinn des Erschaffens nach außen.

Im Zen Buddhismus finden wir eine ähnliche Symbolik: Der achtteilige Pfad des Ochsen: Durch die Zähmung des Ochsen (des eigenen Geistes durch die Tugenden) verschwindet der Ochse. Es bleibt der leere Kreis. Die Freiheit von allem im Nichts, der leere Kreis, der frei für den Moment, die Wirklichkeit und frei für die Gestaltung der inneren und äußeren Welt ist.

Solange wir uns in der Ebene des Denkens bewegen, können wir uns dem Tao, der Erleuchtung durch Tugendhaftigkeit nur annähern – wie wenn man geometrischen Formen (Dreieck, Viereck, Fünfeck, etc.) immer eine Ecke hinzufügt, sich die Form dem Kreis zwar annähert, aber nie zum Kreis wird. Man könnte diese Ebene als „More-better-different-Ebene“ bezeichnen.

Erst durch Transzendieren des Geistes (vgl. „Trance“ – „transire“ – „transcendere“) vom Denken in das Nichtdenken, in die Soheit des Geistes, durch innere Schau (vgl. „Gnade“ im Christentum)  alleine („not by will – by grace alone“) entsteht die Einswerdung mit dem höheren Bewußtsein. Man könnte diese Ebene als „Everything-nothing-Ebene“ bezeichnen (vgl. Ereignishorizont oben). Hypnoseausbildung

Autor:
Univ.-Prof. Dr. med. Robert Gasser PhD (Oxford University, UK),
Abteilung für Kardiologie, LKH-Universitätsklinikum Graz,
Auenbruggerplatz 15,
8036 Graz
robert.gasser@klinikum-graz.at

Alle Beiträge im Überblick